Eine Welt ohne Arbeitsunfälle

Eine Welt ohne Arbeitsunfälle

 

Sich eine Welt ohne Arbeitsunfälle vorzustellen, ist schwierig. Zurzeit ereignen sich in Deutschland in einem Betrieb mit 100 Mitarbeitern durchschnittlich ca. 4 Arbeitsunfälle pro Jahr. Dabei handelt es sich nur um die meldepflichtigen Unfälle, das heißt z.B. nur um solche Unfälle, bei denen der Geschädigte mindestens vier Tage nicht zur Arbeit kommen konnte. Die Zahl der für die Arbeitssicherheit relevanten Unfälle liegt um ein Vielfaches höher.

 

Eine Welt ohne Arbeitsunfälle ist möglich. Sieht man alleine die Verbesserung der Arbeitssicherheit und die dramatische Verringerung von Unfallzahlen und vor allem der Schwere der Unfälle in den Betrieben seit dem Kriegsende, beschleicht einen die Idee, dass wir kurz davor sind und nur noch eine kleine Wegstrecke Richtung Null Unfälle und absoluter Arbeitssicherheit zurückzulegen haben. Der einmal starke Trend schwächte sich leider am Ende ab. Arbeitsdruck wirkt der Arbeitssicherheit entgegen, wenn man nicht bewusst auf ihn eingeht. 

 

Absolute Arbeitssicherheit ist nicht möglich. Man muss sie sich täglich aufs Neue erarbeiten. Null Unfälle sind möglich und sollten das Ziel eines jeden Unternehmens im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sein. Dies gilt sowohl für die eigenen Mitarbeiter als auch für die Mitarbeiter von Fremdfirmen. Eingeschlossen sind auch die Unfälle, die sich auf dem Weg von und zur Arbeit ereignen. Daneben dürfen Mitarbeiter keine Beeinträchtigung der Gesundheit erleiden.

 

Der Werkzeugkasten der Arbeitssicherheit

 

Den Unternehmen steht ein breit gefächertes Instrumentarium zur Verfügung, um die Arbeitssicherheit im Betrieb zu erhöhen. Es fällt auf, dass die Mehrheit der Aktivitäten von außen auferlegt wird. Ein historischer Grund dafür war, dass die Betriebe ‚produzieren’ müssen, und Arbeitssicherheit stört und vor allem Zeit und Geld kostet. Dies ist ein Märchen angesichts der vergleichsweise höheren Produktivität in Unternehmen mit einer lebenden Arbeitssicherheitskultur. Vor allem aber hinsichtlich der Kosten beißt sich die Katze hier in den eigenen Schwanz. Zum einen bezahlt man - vermeintlich für mehr Arbeitssicherheit - die hohen Beiträge zur Berufsgenossenschaft, die stark vom Arbeitssicherheitsniveau und von Unfallhäufigkeit bzw. -schwere des jeweiligen Unternehmens abhängen. Zum andern hat man oft erhebliche einmalige Kosten infolge eines Arbeitsunfalls durch Arbeitsausfall bzw. die Aktivitäten zur Vermeidung in der Zukunft zu tragen - ebenfalls Kosten der Arbeitssicherheit.

 

Ist nun ein Griff in die Trickkiste der Arbeitssicherheit notwendig, um Arbeitsunfälle auszulöschen? Nein – man benötigt dazu keinen Zauberkasten, sondern einen gut sortierten Werkzeugkasten. Dieser Werkzeugkasten der Arbeitssicherheit hat drei Fächer – Technik, System und Verhalten.

 

Technik in der Arbeitssicherheit

 

Der Bereich Technik in der Arbeitssicherheit besteht aus Modernisierung, Anlagenverbesserung, Instandhaltung und regelmäßigen Prüfungen. Ein Beispiel im Straßenverkehr ist die Außentemperaturanzeige, die in der Übergangszeit vor Glätte warnt oder auch das ABS System, das den Bremsweg verkürzt. Interessant sind auch Systeme wie der Sicherheitsgurt oder der Airbag: Sie vermindern häufig die Schwere der Unfälle und sind als Lebensretter unerlässlich. Als so genannte ‚end of pipe’ - Lösungen sind sie allerdings für die Vermeidung von Verkehrsunfällen untauglich und wägen einen in nicht vorhandener Sicherheit. Dies trifft genauso für die Arbeitssicherheit zu mit unzähligen Sicherheitseinrichtungen und sicherheitstechnischen Verbesserungen an Maschinen und Geräten.

 

Systeme in der Arbeitssicherheit

 

Maßnahmen im Bereich der Arbeitssicherheitssysteme haben der Arbeitssicherheit in den letzten Dekaden ihren Stempel aufgedrückt. Dazu gehören Gesetze und Vorschriften der Behörden ebenso wie interne Maßnahmen zur Verbesserung von Arbeitssicherheit und Unfallschutz, Prüfpläne und Meldesysteme für Unfälle und Vorfälle. Ganze Branchen verlangen von Ihren Fremdfirmen ein nachgewiesenes System, das sicheres Arbeiten ermöglicht und die Arbeitssicherheit in diesem Bereich erhöht.

 

SCC – Safety Certification Contractors (deutsch: Sicherheits Zertifikat Unterauftragnehmer) wurde in der Petrochemie für mehr Arbeitssicherheit eingeführt und wird jetzt von immer mehr Unternehmen als Marketing-Werkzeug genutzt, um einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu erzielen. Daneben beginnen Kunden, ihre Lieferanten nicht nur auf ein bestehendes Qualitäts- und Umweltmanagement, sondern auch auf Maßnahmen zur Arbeitssicherheit zu beurteilen. Möglichkeiten sind neben SCC die Zertifizierung nach OSHAS, OHRIS oder einfach die Eingliederung der im Unternehmen vorhandenen Instrumente der Arbeitssicherheit in das bestehende Managementsystem. Man spricht dann von einem IMS - Integriertes Managementsystem (Qualität, Umwelt, Arbeitssicherheit). Das System sollte vor allem zwei Aspekten genügen: Die Einhaltung der bestehenden Vorschriften in der Arbeitssicherheit und die daraus abgeleiteten Verbesserungen garantieren und die kontinuierliche Verbesserung der Arbeitssicherheit aus der Organisation heraus ermöglichen.

 

Verkehrsregeln auf der Straße

 

Systeme zur Unfallvermeidung im Straßenverkehr gibt es wie in der Arbeitssicherheit zuhauf. Überholverbote werden benutzt, um an unübersichtlichen Stellen Frontalzusammenstöße zu vermeiden. Die 0,5-Promille-Grenze hat die Zahl der Verkehrsunfälle vermindert, die als Folge übertriebenen Alkoholgenusses geschehen. Ein weiterer Schritt soll mit der 0,0-Promille-Grenze für Fahranfänger gesetzt werden - ein sicher vernünftiger Schritt! Die Diskussion über ein Tempolimit auf Autobahnen ist eine unendliche Geschichte und de facto überwiegend eingeführt. Übrigens sind in manchen Unternehmen die Hälfte aller Unfälle Wegeunfälle auf dem Weg von der oder zur Arbeit - verlagerte Arbeitssicherheit auf die Straße.

 

Verhalten in der Arbeitssicherheit

 

Das Befolgen der zuletzt genannten Vorschriften bringt uns auf den dritten Bereich unseres Werkzeugkastens der Arbeitssicherheit, das Verhalten – im Beispiel oben des Verkehrsteilnehmers. Ist der Bereich der Technik in der Arbeitssicherheit weitgehend abgegrastes Terrain und gelangen mit dem Einführen eines übersichtlichen Arbeitssicherheitssystems immer mehr Unternehmen an das Ende der Fahnenstange, so betreten wir mit dem Betrachten des Verhaltens in der Arbeitssicherheit in vielen Unternehmen Neuland. Dabei geht es nicht nur um das Verhalten der Mitarbeiter in der Arbeitssicherheit sondern mindest ebenso um das Verhalten der Führungskräfte und schließlich auch des gesamten Unternehmers im Bereich Arbeitssicherheit .

 

Das Tor zu diesem Neuland in der Arbeitssicherheit heißt ‚Verantwortung’. Verantwortung nehmen für die Gesundheit seiner Mitarbeiter, seiner Kollegen und für sich selbst. Die ersten Schritte zu mehr Verantwortung für Arbeitssicherheit sollten zur Aufklärung und Bewusstseinsbildung genutzt werden und natürlich gibt es im Weiteren eine Reihe von Werkzeugen, die wir einsetzen können, um über das Verhalten die Arbeitssicherheit zu erhöhen und Arbeitsunfälle zu vermeiden und zu senken. Ein Beispiel aus dem Straßenverkehr erspare ich uns an dieser Stelle.

 

Kosten in der Arbeitssicherheit

 

Null Unfälle lassen sich nur durch das Benutzen aller drei Werkzeuge - Technik, System, Verhalten - als dauerhaften Zustand erreichen. Interessant ist hierbei die Kostenfrage in der Arbeitssicherheit. Viele Maschinen und technische Einrichtungen bieten bereits einen hohen Arbeitssicherheitsstandard. Jede auf einer sicheren Basis zusätzlich eingebaute Arbeitssicherheitseinrichtung führt zu unverhältnismäßig hohen Kosten. Bei guter und sicherer Technik ist es deshalb vernünftig, die Arbeitssicherheit über ein funktionierendes Sicherheits-Managementsystem weiter zu erhöhen. Funktioniert das Arbeitssicherheitssystem, werden auch hier die Kosten mit jeder weiteren Maßnahme (z.B. Einstellung von Verwaltungskräften) steigen. Spätestens dann sollte das Verhalten in der Arbeitssicherheit angepackt werden, da es im Verhältnis zu den Kosten den höchsten Erfolg bringt und in der Regel zu einer sprunghaften Verminderung der Arbeitsunfälle führt. Optimal ist es, alle drei Werkzeuge der Arbeitssicherheit je nach der spezifischen Situation im Unternehmen bezüglich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bewusst einzusetzen.

 

Ein zweiter Kostenaspekt der Arbeitssicherheit sind die Beiträge zu Berufsgenossenschaft, die direkt abhängig von der Arbeitssicherheitsleistung eines Betriebes sind. So kann sich der Beitrag bei niedriger Unfallrate unter Umständen und je nach BG beinahe halbieren. Die Ersparnis kann die Kosten für z.B. ein Arbeitssicherheits- Managementsystem um ein vielfaches übersteigen. Unternehmen, die in der Lage sind, Arbeitssicherheit gut zu organisieren, unterscheiden sich von den Konkurrenten auch durch eine höhere Werksleistung und verbessern damit indirekt die Kostensituation ihrer Fertigung. Nicht zu vernachlässigen sind auch die direkten Folgekosten eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit durch Arbeitsausfall oder dadurch nötiger ad hoc - Verbesserungsmaßnahmen.

 

Arbeitssicherheit ist ein Gut

 

Bei aller Kostenorientierung in der Arbeitssicherheit sollte uns aber immer deutlich sein: Die Beeinträchtigungen und das Leid für den einzelnen, der den Unfall hatte, stehen oft nicht im Verhältnis zum finanziellen Schaden für das Unternehmen und zu den Kosten für die Arbeitssicherheit. Deshalb muss die Triebfeder für mehr Arbeitssicherheit und eine unfallfreie Arbeitsumgebung nicht die Kostenfrage sein sondern die Überzeugung, dass sicheres Arbeiten ein wichtiges Gut ist. Daneben motiviert ein sicherer Arbeitsplatz im Sinne der Arbeitssicherheit auf Dauer den Mitarbeiter, erhöht die Arbeitsleistung sowie die Wettbewerbsfähigkeit und steigert das Ansehen des Unternehmens bei den Nachbarn und in der Öffentlichkeit.


 

Mehr Informationen zum Thema Arbeitssicherheit können Sie hier anfordern.


© Dr. Rudi Eder

(Dr. Rudolf Eder war Produktionsleiter in einem Pharmaunternehmen in Regensburg und Werksleiter an verschiedenen Standorten eines Chemiekonzerns in den Niederlanden zuständig für Arbeitssicherheit und zielt als selbständiger Unternehmensberater in der Arbeitssicherheit auf die Schaffung einer unfallfreien Arbeitsumgebung in produzierenden Unternehmen.)

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