Artikel von Uta Müller zu steigenden Unfallzahlen in der Mittelstandszeitschrift ProFirma

Die Sicherheit ist Chefsache

 

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – dieses Motto trifft auf den Arbeitsschutz in deutschen Betrieben wohl nicht zu. Erstmals seit 15 Jahren stieg die Zahl der Arbeitsunfälle wieder. Das wirft die Frage auf, wie es um die Sicherheit der Mitarbeiter in Kleinbetrieben wirklich bestellt ist.

 

 

Es ist Freitagmittag, 16 Uhr. Der Bautrupp soll noch letzte Schweißarbeiten an einer Gasanlage erledigen, bevor es endlich ins Wochenende geht. Doch die Passstücke sind zu klein, und die Zeit scheint zu knapp, um noch einmal in die Werkstatt zurückzufahren. Da schlägt einer der Handwerker vor, die Passstücke umzuarbeiten. Der Schweißer im Team weigert sich und führt Sicherheitsgründe an, doch ein Kollege mit Schweißerfahrung winkt sorglos ab: „Was soll schon passieren?“ Er übernimmt die Arbeiten. Das traurige Ergebnis: Kurze Zeit später fliegt die Anlage in die Luft, drei Kollegen des Teams werden schwer verletzt.

Mehr als 900.000 meldepflichtige Unfälle passierten im vergangenen Jahr. Erschreckend: Zum ersten Mal seit 15 Jahren ist die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle – das sind alle Unfälle mit einer Ausfallzeit von mehr als drei Tagen – in der gewerblichen Wirtschaft wieder gestiegen. Die unfallträchtigsten Branchen: Bau, Handel und Verwaltung sowie die Holz- und Metallverarbeitung. Einer der Gründe: „Der wirtschaftliche Aufschwung“, erklärt Dr. Joachim Breuer, Hauptgeschäftsführer des neuen Spitzenverbands Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). „Mehr Menschen hatten im vergangenen Jahr Arbeit, und sie haben durchschnittlich auch länger gearbeitet.“

Keine Systematik im Arbeitsschutz.

Die Praxis zeigt, dass gerade kleinere Betriebe ein höheres Unfallrisiko aufweisen als große. Das liegt vor allem an der Struktur der Kleinbetriebe: Häufig handelt es sich bei kleinen und mittleren Unternehmen um Handwerksbetriebe – und handwerkliche Tätigkeiten gehen auch mit höheren Risiken einher, so die Experten des DGUV. Salopp formuliert: Wer mit dem Hammer einen Nagel einschlägt, kann sich leichter verletzen als jemand, der am PC in die Tasten greift. In vielen kleineren Unternehmen besteht zudem das Problem, dass Maßnahmen des Arbeitsschutzes meist vom Chef zusätzlich zu anderen Aufgaben übernommen werden, während es in großen Betrieben Spezialisten gibt, die sich mit nichts anderem beschäftigen. „Kleine und mittlere Unternehmen haben es da wesentlich schwerer, systematisch an den Arbeitsschutz heranzugehen“, so Breuer. „Leider bedeutet aber Arbeitssicherheit für manche nur lästige Bürokratie und wird als reiner Kostenfaktor abgetan.“ „Sieht ein Chef sein Unternehmen nicht in der Opferrolle, ignorieren seine Mitarbeiter die Vorschriften der Berufsgenossenschaft weniger leicht“, meint Dr. Rudi Eder, Experte für das unfallfreie Unternehmen bei der Opticonsult in Passau. Mit verheerenden Folgen, wie das angeführte Beispiel zeigt.

Wer Arbeitsschutz jedoch als Querschnittsaufgabe begreift, die sich in allen Bereichen positiv auswirkt, legt sein Geld gut an: beim Gesundheitszustand der Beschäftigten, bei der Produktivität, bei der Qualität und damit auch bei der Kundenzufriedenheit. Auch beim Banken-Rating profitieren Mittelständler mittlerweile von der Investition in sichere Arbeitsplätze: „Bei der Ermittlung der Rating-Note fließen neben den Bilanzzahlen auch qualitative Faktoren ein. Dazu gehört die Umsetzung von Vorschriften zu Arbeitssicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz im Betrieb“, so Prof. Dr. Udo Weis, Vorstandsvorsitzender des Verbands Deutscher Sicherheitsingenieure (VDSI) in Wiesbaden.

Der Chef als Vorbild.

Der Arbeitgeber ist verantwortlich für eine funktionierende Arbeitsschutzorganisation im Betrieb. Was also kann er tun, um Arbeitsunfälle langfristig auszuschließen? „Zunächst einmal die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter ernst nehmen“, sagt Eder. „Die Unfälle sind für ihn nur die Spitze eines Eisbergs. Auf einen meldepflichtigen Unfall kommen rund 330 unsichere Handlungen, die meist nicht bemerkt werden“, so der Experte. Das Thema müsse zum Standardthema im Unternehmen werden, was eigentlich kein Problem sein dürfte: Da der Chef eines kleinen Betriebs sich ohnehin um alles kümmert, ist er eben auch in der Fertigung und im Lager unterwegs und kann gefährliche Situationen erkennen. „Wer seine Mitarbeiter offen auf Gefahren anspricht, kann gemeinsam Verbesserungen diskutieren und umsetzen – der beste Weg, um die Mitarbeiter zum sicheren Verhalten zu animieren“, sagt Eder. Denn im Verhalten der Mitarbeiter liegen häufig die Ursachen für Arbeitsunfälle. Während die Technik verbessert und Maßnahmen und Systeme zur Arbeitssicherheit organisiert werden, führen Zeitmangel, Bequemlichkeit oder einfach Unwissenheit oft zu Unfällen im Betrieb.

„Hier hat der Chef eine Schlüsselrolle“, meint Eder. „Denn Mitarbeiter in kleineren Unternehmen richten sich immer nach den Vorgaben und dem Vorbild des Chefs.“ Beispielsweise beim Tragen der Schutzausrüstung oder der Einschätzung von Gefahren.

Funktionierender Arbeitsschutz im Betrieb kann aber auch besonders wirksam durch dessen nachhaltige Einbindung in die Abläufe des Unternehmens erreicht werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Gefährdungsbeurteilung. Sie dient dazu, sich auf der Grundlage eines bestimmten Ablaufschemas über die vorhandenen Gefährdungen bei der Arbeit klar zu werden, um wirksame Schutzmaßnahmen zu treffen. Der Arbeitgeber ist zur Gefährdungsbeurteilung verpflichtet, doch Stichproben der Berufsgenossenschaften zufolge verfügt zum Beispiel nur knapp die Hälfte der Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern über eine Analyse und Bewertung der Gefährdung am Arbeitsplatz. Um den Arbeitgeber bei dieser Aufgabe zu unterstützen, bieten beispielsweise die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BAuA (www.baua.de), der Verband Deutscher Sicherheitsingenieure (www.vdsi.de) oder die Berufsgenossenschaften Hilfestellung.

Das Unternehmermodell.

Der Arbeitgeber ist ebenso verpflichtet, nach bestimmten Maßgaben Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit zu bestellen. Vorlage bildet die Unfallverhütungsvorschrift BGV A2, die seit zwei Jahren in Kraft und speziell auf die Bedürfnisse von Kleinst- und Kleinbetrieben bis zu 50 Mitarbeitern zugeschnitten ist. Für Unternehmer mit bis zu zehn Mitarbeitern sind die Mindesteinsatzzeiten für die betriebsärztliche und sicherheitstechnische Betreuung entfallen. Die neue Vorschrift sieht eine Kombination aus einer in bestimmten Intervallen stattfindenden Grundbetreuung und der Inanspruchnahme bedarfsgerechter, anlassbezogener Betreuung vor. Alternativ kann man das Unternehmermodell wählen, bei dem der Chef Motivations-, Informations- und Fortbildungsmaßnahmen bei der zuständigen Berufsgenossenschaft absolviert, um die Aufgaben des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes selbst wahrzunehmen.

Soweit die Theorie. In der Praxis wird die Umsetzung solcher Weiterbildungsmaßnahmen teilweise noch zu locker gesehen. „Dort erreichen die Vorschriften die Kleinstbetriebe einfach nicht so wie gewünscht“, erklärt Jacqueline Franke, Projektmitarbeiterin von „Gusik – Gesund und sicher in Kleinstbetrieben” (www.gusik.info). Einige Unternehmen der Metall- und Steinmetzbranche werden im Rahmen des Gusik-Projekts in Pools zusammengefasst und durch ein Betreuungsteam, bestehend aus Betriebsarzt und Fachkraft für Arbeitssicherheit, arbeitsmedizinisch und sicherheitstechnisch betreut. Ziel ist es unter anderem, mehr Eigenverantwortung in Sachen Arbeitssicherheit zu entwickeln, Gefährdungen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen umzusetzen, Mitarbeiter richtig zu unterweisen und zu erkennen, wann anlassbezogene externe Hilfe notwendig ist.

Auch die Berufsgenossenschaften setzen an mehreren Punkten an, um mehr Bewusstsein für Arbeitssicherheit in den Betrieben zu verankern: „Jede Berufsgenossenschaft ist verpflichtet, ein Bonus-Malus-System oder Zuschlags-Nachschlags-System einzuführen, das Betriebe mit Beitragseinsparungen belohnt, die weniger Unfälle als der Durchschnitt aufweisen“, so Breuer. Manche Berufsgenossenschaften, wie etwa die Fleischerei-BG, fördern solche Präventionsmaßnahmen mit Prämien, die über das gesetzlich geforderte Maß hinausgehen. „Das kann so einfache Dinge wie die Anschaffung besonders sicherer Messer in der Metzgerei betreffen oder die Installation eines Qualitätsmanagement-Systems mit integriertem Arbeitsschutz in Krankenhäusern“, erklärt Breuer. Arbeitsschutzwettbewerbe oder Gütesiegel wie „Sicher mit System“ sollen ebenfalls ihren Teil dazu beitragen, Anreize zu mehr Arbeitsschutz zu liefern.

Übersichtlicher Leitfaden.

Ein schlimmer Arbeitsunfall war für die Geschäftsleitung eines mittelständischen Bauunternehmens aus Achern/Baden Anlass, die Arbeitssicherheit im Betrieb ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen. Als ein junger Zimmermann selbstverschuldet von einem abrutschenden Stahlträger schwer verletzt wurde, überlegte sich die Geschäftsleitung der Max Früh GmbH & Co. KG, wie durch konsequente Umsetzung des Arbeitsschutzes solche Unfälle verhindert werden können. „Die Vorschriften der Berufsgenossenschaften lagen uns natürlich vor. Wie sie jedoch angewandt wurden, blieb meist dem Einzelnen überlassen – zumal wir bei den Unfallzahlen unter dem Durchschnitt lagen“, erklärt Heinrich Ringwald, Leiter Arbeitsvorbereitung und Qualitätsmanagement. Nach dem schweren Unfall wurde mit System an den Arbeitsschutz herangegangen. Zahlreiche Arbeitseinsätze in Frankreich zeigten, dass die Mitarbeiter sehr wohl in der Lage waren, sehr restriktive Arbeitsschutzvorschriften zu beachten. „Die wissen das und können das, nehmen es nur nicht so wichtig“, lautete die Schlussfolgerung von Ringwald.

Eine Arbeitsgruppe wurde gebildet, und kurze Zeit später stand die erste Aufgabe: sich die dicken gelben Seiten der Berufsgenossenschaften vorzunehmen und einen maßgeschneiderten Leitfaden daraus zu entwickeln. „Viele unspezifische Vorschriften wurden gestrichen und unsere Schwerpunkte wie Schlosserarbeiten oder den Umgang mit Gefahrstoffen herausgearbeitet“, so Ringwald.

Als der „Ballast“ abgeworfen war, stand ein knapper, übersichtlicher Leitfaden, der den Mitarbeitern exakte Anleitungen für den sicheren Umgang mit Gefahren in ihrem Arbeitsalltag liefert. Im nächsten Schritt werden nun die Poliere geschult, um ihre Mitarbeiter für das Thema Arbeitssicherheit zu sensibilisieren. Aus Schaden klug geworden, erkennen die Mitarbeiter der Max Früh Bauunternehmung nun auch den Nutzen einer systematischen Vorgehensweise: „Wer den Arbeitsschutz für sein Unternehmen aktiv gestaltet, kann von den Vorschriften nur profitieren“, so Ringwalds Resümee.

 

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Dieser Artikel wurde von Uta Müller verfasst und in der Mittelstandszeitschrift ProFirma veröffentlicht. Unser Berater Dr. Rudi Eder  hat daran mitgewirkt.

 

(Dr. Rudi Eder war Produktionsleiter in einem Pharmaunternehmen in Regensburg und als Werksleiter an verschiedenen Standorten eines Chemiekonzerns in den Niederlanden zuständig für Arbeitssicherheit. Er zielt als selbständiger Unternehmensberater in der Arbeitssicherheit auf die Schaffung einer unfallfreien Arbeitsumgebung in produzierenden Unternehmen.)

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